Visionssuche

Vier Tage und Nächte, alleine, fastend in der Wildnis, nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Das ist eine Visionssuche.

Aber warum gibt es Leute, die glauben, auf diese Art und Weise eine Vision für ihr Leben zu erhalten? Weil man besonders viel Zeit zum ungestörten Nachdenken hat? Nein.

Aber bevor ich die „Wirkungsweise“ der Visionssuche beschreibe, möchte ich vorab kurz die Entstehung des Begriffs klären:

Die Visionssuche als Übergangszeremonie

Die Visionssuche ist in manchen indigenen Kulturen Nordamerikas eine Übergangszeremonie, ein Initiationsritus vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Der Jugendliche verlässt seine Gemeinschaft, verbringt eine entbehrungsreiche und beängstigende Zeit alleine in die Wildnis und kehrt als Erwachsener in seine Stammesgemeinschaft zurück. Er erzählt den Ältesten seines Stammes von dem, was er wahrgenommen hat und von seinen Träumen, und diese Ältesten helfen ihm, seine Bestimmung zu leben und seinen Platz in der Gemeinschaft zu finden.

Die Visionssuche hier und heute

Für uns Europäer/Europäischstämmige ist die Visionssuche...Vieles. Sie ist immer eine Schwelle. Ein „von weg“ und „hin zu“. Das liegt im Kern dieses kraftvollen Rituals. Man sollte also besser wissen, um welche Veränderung es geht und was man sich wünscht. Viele Veranstalter von Visionssuchen erarbeiten in der Vorbereitung einen Satz, der das Ansinnen und die Motivation auf den Punkt bringt. „Ich bin ein kraftvoller Mann und liebender Vater, der für seine Familie da ist“. Das mag ein Mann sagen, der auf dem Weg ist, Vater zu werden und eine Familie zu gründen. „Ich bin eine kreative und starke Frau, die selbstbestimmt ihren Weg geht und Menschen Heilung bringt!“. Das mag eine Frau sagen, die sich dazu entschieden hat, den Job als Bürokauffrau an den Nagel zu hängen und als Heilpraktikerin zu arbeiten. Nun hat man ein Ziel, die Visionssuche gibt die Kraft und setzt Veränderungen frei.

„Eine zutiefst geniale Zeit“

Aber was passiert da nun? Ganz wenig. Ganz viel. Man hat viel Zeit, der Tag, aller Aktivitäten um Essen und Nahrungszubereitung beraubt, wirkt unendlich lang. Das Fasten zieht einem (nicht jeder/m, aber den Meisten) die Kraft aus dem Körper, spätestens am dritten Tag ist auch schon ein kurzer Weg eine Anstrengung. Es kann sehr langweilig sein. Sehr. Und Mücken, Ameisen und sonstige Plagegeister nehmen keine Rücksicht auf Deinen Zustand oder Dein edles Ansinnen, Dich eins mit der Natur fühlen zu wollen. Die Visionssuche wird auch „kleiner Tod“ genannt und entsprechend gibt es Momente von Trauer und Schmerz. Habe ich Dir Lust auf eine Visionssuche gemacht, Dich zur Teilnahme motiviert? Nein!? Dann vielleicht so: Es ist auch eine zutiefst geniale Zeit. Heilsam. Berührend. Begeisternd. Herzöffnend. Sinn-voll. Aufzuwachen mit einem klaren Geist, wie er durch das Fasten geweckt wird, und einen Sonnenaufgang zu erleben, als wäre er nur für Dich gemacht. Sich wirklich eins zu fühlen mit der Natur, nicht als Spruch oder Klischee, sondern als Empfindung. Tatsächlich das Gefühl zu haben, gleichzeitig ganz wichtig und ganz unwichtig zu sein, bedeutsam und bedeutungslos. Aber vielleicht hebe ich ab auf den Flügeln meiner Erinnerung. Du wirst Dinge tun, die Du (wahrscheinlich) noch nicht getan hast. Nackt im Regen tanzen. Wirklich Schweigen. Laut mit Dir selbst reden. Oder, wie ich, einer Ameise 50 m durchs Gelände folgen, weil Du nichts Besseres zu tun hast. Braucht man das? Wenn es das ist, was Du tust, dann wirst Du es auch brauchen. Die Indianer nannten diese Zeit nicht „Visionssuche“, sie nannten und nennen sie ihre „heilige Zeit“. Das ist es. Du erhältst dort, was Du brauchst, „Medizin“ in der indianischen Bedeutung. Es mag die tiefste Erfahrung werden, die Du in Deinem Leben gemacht hast. Hör in Dich hinein: ruft Dich diese Zeit? Dann los!


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